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Golden Bay

Als Gott mit der Erde fertig war, so geht die Legende, hatte er von jedem Land ein kleines Stück übrig. Einen Berg aus der Schweiz, einen Fluss aus Schweden, eine Wiese aus Irland. Daraus schuf er Neuseeland. Als die Menschen mit Gott fertig waren, könnte man weiter erzählen, fehlte jedem ein Stück. Also machten sie sich auf die Suche, und die am längsten unterwegs waren, standen irgendwann in Takaka, Golden Bay.

„Hier ist alles besser“, sagte meine Tochter. „Die Schule beginnt erst um neun, man kann barfuß hinlaufen, und vor jedem zweiten Haus steht ein Trampolin.“

„Hier ist alles gemütlicher“, meinte meine Frau. „Den ersten Traktor sieht man um zehn, die Post kommt am Nachmittag, die Zeitung am Abend, und wenn man einen Handwerker braucht, kommt er meistens gar nicht.“

„Hier sind wir falsch“, sagte ich. „Suchen wir uns einen anderen Ort.“

Golden Bay, schon den Namen fand ich übertrieben. Mit den Minenarbeitern vor 150 Jahren hätte ich mich vielleicht noch verstanden, doch inzwischen schürften sie nicht mehr nach Gold. ‚Welcome in Paradise‘ warb eine Herberge am Eingang des Tals, und womit sich seine Bewohner beschäftigten, las man im wöchentlichen Anzeigenblatt: Togetherness, Hypnose und Karma, Tantra der Liebe ... „Fahren wir weiter!“ sagte ich.

Das Problem ist, dass man in der Golden Bay nicht einfach weiterfahren kann. Wie jedes Paradies ist auch dieses eine Sackgasse. Um in die Bucht zu gelangen, muss man mit dem Auto einen tausend Meter hohen Pass überwinden, und um rauszukommen, muss man die gleichen Serpentinen zurück. Die nächste größere Stadt, Wellington, liegt fünf Stunden entfernt, und Nelson, die nächste kleinere, zwei Stunden. Es gibt keinen Bahnhof, keine Fähranbindung, und die seltenen Propellerflüge werden so regelmäßig abgesagt, dass der kleine Flughafen eigentlich nicht existiert ... Kurzum: Wir blieben. Und um es gleich zu gestehen: Seither bin ich fast jedes Jahr wiedergekommen.

Um mein Karma zu läutern? Mich im Tantra zu üben? Um mit meinen Nachbarn in Frieden und Eintracht zu leben? Vergessen Sie es! Dieses Paradies hat so viele Absturzstellen wie jeder andere Ort. Eifersucht, Geldgier, Tratsch, Intrige ... was Sie wollen, mit wem Sie es wollen. Allerdings, das gebe ich zu, haben sich die menschlichen Defizite hier eine wunderbare Umgebung gesucht. Die Flüsse, schwärmen die einen. Diese Strände, die andern. Die Berge, staunen die dritten. „Neuseeland ist überall schön“, sagt Tony, mein Nachbar, „doch nur hier kommt etwas ganz Besonderes hinzu.“ Und er verrät, was angeblich schon die ersten Siedler hier hielt: „Energy! Kein Ort auf der Welt gibt dem Menschen so viel Energie!“

Naja, denke ich. Ich habe hier auch schon müde Krieger gesehen. Und dass meine Nachbarn so ausgeruht sind, hat womöglich einen anderen Grund. Sie halten sich mit der Arbeit zurück. Hier halten sich alle mit der Arbeit zurück. Lauter Sänger und Seher, lauter Drückeberger des Lebens. Die einen mit Geld in der Tasche, die anderen auf Stütze, aber alle lassen die geregelte Arbeit auf der anderen Seite des Bergs. Besteht darin der Reiz dieser Bay? Dass sie eine halbe Erdumrundung entfernt von der europäischen Tretmühle liegt? Keine Hektik, keine Terminplaner, nicht einmal Ampeln?

Ich weiß es nicht. Ich brauch´s nicht zu wissen. Ich finde hier genug Ruhe zum Schreiben, und genug Unruhe, um mich zu wundern. Die Heilssucher interessieren mich immer noch nicht, doch diese Bucht bietet Platz für Sonderlinge jeder Fasson. Mit Ron, dem Schreiner, repariere ich Boote, mit dem Geiger Rudolf gehe ich schwimmen, und Nachbar Tony nimmt mich manchmal in seinem Fischerboot mit. Ich sehe die Nadelstiche der Sonne im Wasser, abends sehe ich das Spektakel der Wolken, und manchmal sehe ich mitten im Sommer Schnee auf den Cobb-Bergen. Und was das ganz Besondere, die Golden-Bay-Energie, angeht, so halte ich es mit Willy.

Am Ende der Bucht, wo die Flut ablegt, was das Meer nicht mehr haben will, hat sich Willy eine Hütte gebaut. Bei meinem letzten Besuch lagen auf seiner Fensterbank zwei kleine Kristalle. „Willy“, sagte ich, „fängst du jetzt auch an, an sowas zu glauben?“ „Shit, nein“, sagte Willy. „Aber ich habe gehört, so ein Kristall würde auch wirken, wenn man nicht daran glaubt.“

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